Freiarbeit: Der Dialog ohne Maske und Seil
Die Freiarbeit gilt als die „Stunde der Wahrheit“ in der Pferdausbildung. In dem Moment, in dem die physische Verbindung durch Halfter oder Longe gelöst wird, bleibt nur noch die reine Qualität der Kommunikation übrig. Es ist ein faszinierendes Zusammenspiel aus feiner Körpersprache, präzisem Energiemanagement und gegenseitigem Vertrauen.
1. Die Natur als Vorbild: Kommunikation ohne Worte
Erfolgreiche Freiarbeit nutzt die natürliche „Sprache“ der Pferde untereinander. In der Herde kommunizieren Pferde kaum über Laute, sondern fast nur über ihre Körperposition und ihre Ausstrahlung. In der Freiarbeit imitieren wir dieses Verhalten durch zwei Grundprinzipien:
- Einladen (Draw): Wenn du dich vom Pferd abwendest oder deine Körperspannung senkst, „ziehst“ du das Pferd zu dir heran. Du machst dich interessant und bittest es, dir zu folgen.
- Treiben (Drive): Wenn du dich direkt auf das Pferd zubewegst oder deine Energie erhöhst (z. B. durch eine aufrechtere Haltung), „schickst“ du das Pferd von dir weg oder nach vorne.
Was genau ist die Körperposition?
Deine Körperposition ist dein wichtigstes Lenkrad. Hierbei geht es vor allem um deine Schulterachse und deine Ausrichtung zum Pferd:
- Zugewandt (Druck/Stopp): Stehst du frontal zum Pferd, wirkt das wie eine Mauer oder ein Stopp-Signal. Richtest du deine Schultern seitlich auf die Hinterhand des Pferdes, erzeugst du Treiben (Drive).
- Abgewandt (Einladen): Drehst du eine Schulter leicht weg oder wendest dem Pferd den Rücken zu, „öffnest du eine Tür“. Du nimmst den Druck raus und gibst dem Pferd den Raum, zu dir zu kommen.
Was bedeutet Ausstrahlung im Training?
Pferde spüren kleinste Veränderungen in deiner Körperspannung und deinem Fokus. Das ist deine Ausstrahlung:
- Innere Spannung (Energie): Willst du Bewegung, machst du dich groß, atmest ein und baust eine positive Spannung auf. Willst du, dass das Pferd anhält, „lässt du die Luft raus“, wirst weich in den Knien und senkst deine Energie.
- Blickrichtung (Fokus): Ein direkter Blick auf die Augen des Pferdes wirkt oft wie starker Druck. Ein weicher Blick auf die Schulter oder in die Richtung, in die ihr gehen wollt, wirkt einladend und führt das Pferd sanft.
In der Freiarbeit entsteht so ein ständiger Wechsel zwischen Ziehen und Schieben – wie an einem unsichtbaren Gummiband.
2. Methodische Strukturierung des Raumes
Obwohl Freiarbeit per Definition ohne Ausrüstung am Pferd stattfindet, ist die Gestaltung der Trainingsumgebung entscheidend. Um dem Pferd Aufgaben zu geben und den Fokus zu schärfen, können optische Ankerpunkte im Roundpen oder auf dem Reitplatz hilfreich sein:
- Orientierungspunkte: Hilfsmittel können als Fixpunkte dienen, um Volten oder Achten im freien Lauf präziser zu gestalten.
- Leitlinien: Gassen bieten dem Pferd einen optischen Rahmen, ohne es physisch einzuschränken.
- Fokus-Übungen: Ein Slalom-Parcours testet, wie fein das Pferd auf die Schulterwendung des Menschen reagiert.
3. Wege zur Vertiefung: Fachliteratur und Ansätze
Da Freiarbeit eine hohe Sensibilität erfordert, empfiehlt sich ein Studium verschiedener Ansätze. Bekannte Methoden und Autoren, die sich intensiv mit der Psychologie der Freiarbeit auseinandersetzen, sind unter anderem:
Literaturtipps:
* "Sprachkurs Pferd" von Sharon Wilsie (Fokus auf Körpersprache)
* "Die Botschaft der Pferde" von Klaus Ferdinand Hempfling (Präsenz und Körperausdruck)
* "Academic Art of Riding" (Bent Branderup – für die gymnastische Komponente am Boden)
Bekannte Trainer-Ansätze (beispielhaft):
In der modernen Freiarbeit haben sich Trainer wie Honza Bláha, Kenzie Dysli oder Konzepte wie das Natural Horsemanship (z. B. nach Pat Parelli) etabliert. Jeder dieser Trainer verfolgt individuelle Schwerpunkte, von der spielerischen Liberty Work bis zur hohen Versammlung in Freiheit.
Fazit
Freiarbeit ist kein Selbstzweck, sondern das ehrlichste Spiegelbild einer Beziehung. Sie schult die Achtsamkeit des Menschen und das Selbstbewusstsein des Pferdes. Wenn wir lernen, ohne Zwang zu kommunizieren, entsteht eine Harmonie, die weit über den Reitplatz hinausreicht. Es ist der Weg zu einer Partnerschaft, die auf Freiwilligkeit und gegenseitigem Verständnis beruht.
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