Wie viel PS hat ein Pferd wirklich? Leistung einfach erklärt
Wie viel PS hat ein Pferd wirklich? Eine kleine Reise zwischen Mythos und Muskelkraft

Fast jeder kennt den Satz: „Ein Pferd hat ein PS.“
Er klingt so selbstverständlich, dass ihn kaum jemand hinterfragt. Schließlich heißt die Einheit ja sogar Pferdestärke. Also muss ein Pferd doch genau ein PS haben – oder?
Nicht ganz.
Denn wer schon einmal einem Pferd in Bewegung zugesehen hat, weiß: Wenn ein 600kg schweres Warmblut aus dem Stand losschießt, fühlt sich das ganz sicher nicht nach einem einzigen PS an. Eher nach einer Naturgewalt auf vier Beinen.
Die Wahrheit ist sogar noch spannender. Ein Pferd besitzt keine feste PS-Zahl. Seine Leistung verändert sich ständig – abhängig davon, ob es gerade beschleunigt, springt, arbeitet oder Kilometer um Kilometer zurücklegt.
Der explosive Start
Stellen wir uns einen Reitplatz an einem kühlen Frühlingsmorgen vor.
Das Pferd steht ruhig da. Die Ohren sind aufmerksam nach vorn gerichtet. Ein kaum sichtbares Zucken geht durch die Muskulatur.
Innerhalb eines Augenblicks verwandelt sich die ruhige Gelassenheit in pure Dynamik. Hinterhand und Rücken arbeiten wie ein perfekt abgestimmtes Federwerk. Die Hufe graben sich in den Boden, Sand fliegt durch die Luft und innerhalb weniger Galoppsprünge entwickelt das Pferd eine Kraft, die man kaum glauben würde.
In diesen wenigen Sekunden erreicht ein gut trainiertes Pferd erstaunliche Werte.
Etwa 30 bis 40 PS mechanische Spitzenleistung sind kurzfristig möglich.
Diese Leistung entsteht nicht aus dem normalen Energiestoffwechsel, sondern aus den schnell verfügbaren Energiespeichern der Muskulatur.
ATP und Kreatinphosphat liefern sofort Energie – allerdings nur für wenige Sekunden. Danach übernimmt zunehmend der Abbau von Muskelglykogen und schließlich der aerobe Stoffwechsel.
Es ist ein Feuerwerk – beeindruckend, aber kurz.
Vom Feuerwerk zum langen Atem
Doch jedes Feuerwerk endet.
Nicht, weil dem Pferd plötzlich die Kraft ausgeht. Sondern weil der Körper auf ein anderes Energiesystem umschaltet.
Die explosionsartige Energieversorgung wird Schritt für Schritt durch einen deutlich effizienteren Stoffwechsel ersetzt. Die Atmung wird ruhiger, die Bewegungen gleichmäßiger und der Galopp wirkt plötzlich fast mühelos.
Jetzt entscheidet nicht mehr die maximale Kraft, sondern die Fähigkeit, Energie möglichst effizient bereitzustellen.
Bei intensiven sportlichen Belastungen wie einem schnellen Geländeritt in der Vielseitigkeit liegt die mechanische Leistung deutlich unter der Sprintspitze, aber immer noch auf hohem Niveau.
Realistisch sind hier ungefähr 5 bis 8 PS Dauerleistung während der Belastungsphasen.
Interessant ist dabei: Selbst ein anspruchsvoller Geländeritt wird überwiegend durch den aeroben Stoffwechsel getragen. Untersuchungen an Vielseitigkeitspferden zeigen, dass mehr als 90 % des Energiebedarfs über den Sauerstoffstoffwechsel bereitgestellt werden. Der anaerobe Anteil spielt vor allem bei kurzen Beschleunigungen und Hindernisphasen eine Rolle.
Die eigentliche Superkraft
Die meisten Motoren beeindrucken mit ihrer Spitzenleistung.
Pferde beeindrucken dagegen mit etwas ganz anderem.
Mit Ausdauer.
Wer einmal ein Distanzreiten verfolgt hat, erlebt keine spektakulären Sprints. Stattdessen sieht man Pferde, die über viele Kilometer ein erstaunlich hohes Tempo halten und dabei jede Bewegung möglichst energiesparend ausführen.
Jetzt arbeitet vor allem der aerobe Stoffwechsel – langsam, effizient und zuverlässig.
Über lange Strecken liegt die mechanische Leistung typischerweise im Bereich von etwa 2 bis 5 PS.
Auf den ersten Blick klingt das deutlich weniger beeindruckend als die 40 PS eines Sprints.
In Wirklichkeit ist genau das die eigentliche Meisterleistung.
Denn ein kurzer Kraftausbruch ist spektakulär.
Eine Leistung über Stunden aufrechtzuerhalten, ist außergewöhnlich.
Warum die Pferdestärke uns bis heute verwirrt
Der eigentliche Schmunzler an der Geschichte ist jedoch die berühmte Pferdestärke selbst.
Als James Watt im 18. Jahrhundert seine Dampfmaschinen verkaufen wollte, brauchte er eine verständliche Vergleichsgröße. Also beobachtete er Arbeitspferde und leitete daraus eine Leistungseinheit ab.
Das war cleveres Marketing.
Seitdem glauben Generationen von Menschen, ein Pferd besitze genau eine Pferdestärke.
Dabei könnte man genauso gut behaupten, jeder Mensch könne genau eine Treppe steigen.
Mal gemütlich.
Mal rennend.
Mal mit einem Umzugskarton auf der Schulter.
Die Leistung hängt immer davon ab, was gerade verlangt wird.
Wie schnell läuft ein Pferd dauerhaft?
Auch bei der Geschwindigkeit zeigt sich dieser Unterschied.
Ein Pferd kann zwar im Galopp enorme Spitzengeschwindigkeiten erreichen.
Auf langen Strecken zählt jedoch nicht der Rekord, sondern die Konstanz.
Gut trainierte Pferde bewegen sich dauerhaft mit etwa 18 bis 23 km/h – ein Tempo, das sie erstaunlich lange halten können.
Gerade Distanzpferde zeigen eindrucksvoll, wie perfekt Natur und Stoffwechsel auf Ausdauer ausgelegt sind.
Was wir daraus lernen können
Vielleicht liegt genau hier der größte Unterschied zwischen einem Motor und einem Pferd.
Ein Motor kennt nur Zahlen.
Ein Pferd kennt Rhythmus.
Es beschleunigt, spart Energie, passt sich dem Untergrund an, reagiert auf seinen Reiter und entscheidet jede Sekunde neu, wie viel Kraft sinnvoll ist.
Seine Leistung ist deshalb keine feste Zahl auf einem Typenschild.
Sie ist lebendig.
Fazit
Fragt man also: „Wie viel PS hat ein Pferd wirklich?“, lautet die ehrlichste Antwort:
Es kommt darauf an.
- Im explosiven Sprint sind kurzfristig 30 bis 40 PS möglich.
- Bei intensiver sportlicher Belastung, beispielsweise in der Vielseitigkeit, liegen Pferde ungefähr bei 5 bis 8 PS.
- Über lange Strecken arbeitet ein Pferd mit etwa 2 bis 5 PS – und genau darin liegt seine wahre Stärke.
Vielleicht ist das sogar die schönste Erkenntnis dieser kleinen Reise.
Nicht die größte Zahl macht ein Pferd beeindruckend.
Sondern die Fähigkeit, Kraft, Ausdauer und Eleganz in jedem einzelnen Galoppsprung miteinander zu verbinden.
Weiterführende Quellen
- Marlin, D. J. & Nankervis, K. (2002): Equine Exercise Physiology. Blackwell Science.
- Evans, D. L. (2000): Training and Fitness in Athletic Horses. Rural Industries Research and Development Corporation.
- Weishaupt et al. (2025): Modelling Energy Demands of Cross-Country Tests in 2-Star to 5-Star Eventing Horses. Frontiers in Veterinary Science.
- Wickler et al. (2005): Energetics and biomechanics of equine locomotion.
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